Berufsbild | Produktionsleiter/in  

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Aus- und Fortbildung: Produktionsleiter/in


  Das Berufsbild Produktionsleiter wurde praxisbezogen vom Bundesverband Produktion in Zusammenarbeit mit Prof. Klaus Keil und der Abteilung V der Hochschule für Fernsehen und Film München erarbeitet.
Die Anforderungen und Erwartungen sind durch die unterschiedlichen Formen der Tätigkeitsbereiche Schwankungen unterworfen.
Das hier vorgelegte Idealbild des Berufes Produktionsleiter wird sich in der Praxis der Realität anpassen, soll aber als Richtschnur für die qualitative Beurteilung dieses Berufes dienen.
   
Der Tätigkeitsbereich
  Die Tätigkeit des Produktionsleiters erstreckt sich auf sämtliche audiovisuellen Produktionsvorhaben in den Bereichen Kinofilm, Fernsehen, Industrie- und Werbefilm sowie Dokumentar- und Lehrfilm.
Der Produktionsleiter führt ein Produktionsvorhaben in wirtschaftlicher und organisatorischer Verantwortung durch. Zuständig für Arbeitsplanung und Produktionsdurchführung trifft er alle Entscheidungen im Hinblick auf ein optimales Endprodukt, jedoch unter der Einhaltung ökonomischer, ökologischer und juristischer Grenzen. Aber auch Grenzen des Anstandes und der guten Sitten wird er erkennen und sein Vorgehen danach ausrichten. Die rechtsrelevanten Konsequenzen aus allen Aktivitäten trägt in der Regel der Produktionsleiter alleine. Sein künstlerisch-kaufmännisches Doppel-Verständnis hilft ihm, Drehbuchinhalt und Regievorstellung dem Vorhaben gerecht zu bewerten und dem Budget zuzuordnen. Technische Abläufe und Zusammenhänge weiß er in Dauer und Kostenaufwand sachlich richtig einzuschätzen. Mit administrativem Können, kaufmännischem Weitblick und der nötigen Erfahrung bringt er künstlerischen Anspruch und finanzielles Kalkül in Einklang.
Mit psychologischem Einfühlungsvermögen versucht er, auseinanderdriftende und gegensätzliche Interessen zu bündeln. Kompromissfähig wird er sich immer dann zeigen, wenn es die Interessenlage des Vorhabens erfordert. Seine Kontrollfunktionen übt er mit Detailwissen und dem notwendigen Durchsetzungsvermögen aus.
Die ihm anvertrauten Finanzmittel verwaltet er nach kaufmännischen Regeln sparsam und korrekt, jedoch flexibel und mit der nötigen Risikobereitschaft, das künstlerische Ergebnis nicht aus dem Blickfeld verlierend. Die Gesamtorganisation richtet er strikt auf Effektivität aus, immer in Bereitschaft, mit Unvorhersehbarem konfrontiert zu werden. Seine Entscheidungen, oftmals unter enormen Zeitdruck zu treffen, sind irreversibel, bedürfen daher großer Erfahrung und sicherem Einschätzungsvermögen. Qualifikation und Kompetenz des Produktionsleiters erweisen sich letztendlich bei der Planung, Steuerung und Durchführung eines Produktionsvorhabens, eines äußert komplexen und komplizierten Unterfangens, bei dem Unwägbarkeit und Zufall kalkulierbar gemacht werden müssen.
   
Das Aufgabengebiet
   
  1. Die Vorbereitungszeit
  Mit dem Studium von Exposé, Treatment und Drehbuch beginnt für den Produktionsleiter die Realisation des Projektes. Das genaue Lesen ermöglicht bereits Vorstellungen, wie das Produktionsvorhaben später einmal aussehen könnte. Alle Handlungselemente werden auf ihre finanzielle, organisatorische und technische Machbarkeit überprüft. Überlegungen sind anzustellen, welche Stabmitglieder für dieses spezielle Vorhaben am geeignetsten erscheinen und in welcher Zusammensetzung ein harmonisierendes Team entstehen kann. Mit Produzent und Regisseur werden die Qualität der Besetzung, der technische Aufwand, der Einsatz von Spezialeffekten, das Ausmaß von Außenaufnahmen und alle vorhersehbaren Probleme diskutiert, um klarzustellen, wie die Prioritäten für das geplante Vorhaben zu setzen sind. Dies gilt vor allem auch unter dem Aspekt der finanziellen Größenordnung.
Die gewonnenen Erkenntnisse und vorgetragenen Wünsche werden bei der Ausarbeitung der Auszüge berücksichtigt. Die Drehbuchauszüge, präzise und mit großer Vorstellungskraft gefertigt, sind Grundvoraussetzungen zur Erarbeitung eines durchdachten Drehplans, aber auch Basis aller finanziellen Überlegungen. Eine mustergültige Drehplangestaltung beinhaltet eine optimale Berücksichtigung künstlerischer Interessen unter Einbeziehung organisatorischer und finanzieller Rahmenbedingungen. Aus projektbezogenen Vorgaben und Erfahrungswerten wird die Kostenfindung betrieben. Zusammen mit den Auszügen und dem Drehplan bildet sie für den Produktionsleiter das Instrumentarium zur Kalkulation der Herstellungskosten. Eine meist notwendig werdende Angleichung der künstlerischen Vorstellung an das finanziell Machbare wird durch Änderungen des Drehbuchs und des Drehplans, Drehortwechsel, Umbesetzung oder Akzenteverschiebung erreicht.
Die Kalkulation dient dem Produktionsleiter als Richtschnur und Orientierungshilfe bei kostenabhängigen Entscheidungen und ist Verhandlungsgrundlage für die Auftragsvergabe und ggfs. Vorlagepflicht bei den Einreichungsgremien der Förderungsanstalten.
Im Namen und Auftrag des Produzenten führt der Produktionsleiter die Gagenverhandlungen und engagiert Mitarbeiter und Darsteller.
Schlüsselpositionen wie Kamera, Ausstattung, Kostümbild, Cutter und Komponist werden in der Regel in Absprache mit dem Produzenten und dem Regisseur vom Produktionsleiter engagiert.
Die Aufgaben der Teammitglieder, die Arbeitsabläufe und Finanzmittel der einzelnen Abteilungen werden aufeinander abgestimmt und zugeordnet. Ein vernünftige Auswahl der Außenmotive (Entfernung, Erreichbarkeit und Infrastruktur) soll es während der Drehzeit ermöglichen, auf kurzen Wegen sinnvoll zu operieren. Damit gewinnt die Regie Zeit für das Umsetzen des Drehbuchs.
Die rechtzeitig einberufene Regiebesprechung ermöglicht dem Regisseur, seine Konzeption vorzustellen und mit den Stabmitgliedern abzusprechen, welche Mittel an den jeweiligen Drehorten zum Einsatz kommen sollen.
Die dadurch notwendig werdenden finanziellen und organisatorischen Korrekturen werden vom Produktionsleiter der Gesamtplanung angepaßt. Notwendige und branchenübliche Versicherungen werden abgeschlossen, Drehgenehmigungen verhandelt, Kostenvergleiche eingeholt und Pauschalen bzw. Rabatte mit Liefer-, Verleih- und Servicefirmen vereinbart. Sind Außenaufnahmen im Ausland vorgesehen, muß der Reiseablauf, Unterbringung von Stab und Darstellern, Transport und Zollabfertigung geplant werden. Unterschiedliche Gesetzgebung und abweichendes Sozialrecht, andere Behördenstrukturen und Genehmigungsverfahren, gesundheitliche und wirtschaftliche Risiken und nicht zuletzt ethische Belange verlangen vom Produktionsleiter besondere Sorgfaltspflicht dem Gastland und den Mitarbeitern gegenüber.
Die örtlichen Drehbedingungen sind dem Drehplan anzupassen. Der Finanzbedarf ist zu ermitteln, eventuell vorhandene Devisenbeschränkungen müssen berücksichtigt und der Transfer der Mittel rechtzeitig veranlaßt werden.
Der Produktionsleiter koordiniert mit Produzent, Regisseur, Cutter, Komponist, Synchronaufnahmeleiter und Geräuschemacher den Zeitplan für die Endfertigung und terminiert die erforderlichen Studios und Schneideräume.
Um während der Dreharbeiten einen reibungslosen Arbeitsablauf zu gewährleisten, muß Vorsorge für eine funktionierende Infrastruktur getroffen werden.
Mit den Stunt- und SFX-Spezialisten ist das Sicherheitsrisiko der verlangten Aufgaben abzuwägen, ggfs. zu reduzieren oder auf Alternativen auszuweichen.
Der Drehplan wird mit allen Abteilungen auf Machbarkeit des Pensums durchgesprochen und geprüft, wie alle arbeitsrechtlichen Bestimmungen und Unfallverhütungsvorschriften eingehalten werden können.
Mit der Filmgeschäftsführung oder der Buchhaltung werden die eingegangenen Verpflichtungen erläutert, die Zahlungsmodalitäten und Zahlungsziele bestimmt und nach Prüfung der Vorkosten daraus resultierende Konsequenzen gezogen.
Ein Finanzplan (Cashflow) ist zu erstellen.
   
  2. Die Drehzeit
  Die in der Vorbereitungszeit durch den Produktionsleiter festgelegte Gesamtorganisation ermöglicht dem Regisseur während der Drehzeit das Umsetzen künstlerischer Vorstellungen innerhalb der gemeinsam erarbeiteten Rahmenbedingungen. Die dabei notwendigen Arbeitsabläufe bedürfen einer ständigen und genauen Überwachung, da jede Abweichung von Kalkulation und Drehplan einer Korrektur der Organisation bedarf. Unvorhersehbare Ereignisse wie Krankheiten, Unfälle, Wetterlaunen, Verspätungen, technische Defekte, mißglückte Spezialeffekte, Zeitplanüberschreitungen öder ähnliches bedürfen einer wohlüberlegten, aber schnell getroffenen Entscheidung.
Die notwendigen Umdispositionen müssen bei jedem neu auftretenden unvorhergesehenen Ereignis wieder auf terminliche, organisatorische und finanzielle Auswirkungen untersucht und sachbezogen reguliert werden.
Die Kontrolle der Tages- und Arbeitsberichte erlaubt in Zusammenarbeit mit der Filmgeschäftsführung, finanzielle Entwicklungen hochzurechnen und regelmäßig einen Kostenstand zu erstellen.
Bei Auslandsaufnahmen bedeutet eine frühzeitige Beobachtung der Devisenmärkte und der politischen Entwicklungen, daß den Ereignissen entsprechend Rechnung getragen werden kann.
Die Fracht- und Reiseunternehmen sind in die Planung einzubinden und diesbezüglich Änderungen der Termine und Daten auf dem aktuellen Stand zu halten.
Am Drehort ist die Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmungen durch den Produktionsleiter zu überprüfen und zu gewährleisten. Die rechtzeitige Rücklieferung geliehener Ausrüstungs- und Ausstattungsgegenstände muß überwacht werden.
Bei Außenbauten ist sicherzustellen, daß die Drehorte termingerecht in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt und zurückgegeben werden. Für den Produktionsleiter ist es eine Selbstverständlichkeit, eine "Verbrannte-Erde"-Situation zu vermeiden.
Deshalb haben alle Aktivitäten während der Drehzeit so korrekt zu erfolgen, daß die Produktionsfirma jederzeit wieder mit den Vermietern und Erlaubniserteilern unbelastet in Kontakt treten kann.
Die unter erheblichen Erfolgsdruck stehenden Mitarbeiter sind bei Problemlösungen zu unterstützen.
Die tägliche Mustervorführung gibt Einblick, ob die Finanzmittel sachgerecht verwendet wurden. Der Nachweis über die Verwendung zweckgebundener Gelder muß im Bedarfsfalle für den Auftraggeber oder die Finanzierungsgesellschaft sichtbar gemacht werden können. Repräsentation, PR und die produktionsbegleitende Pressearbeit sind zu koordinieren und zu unterstützen.
   
  3. Die Endfertigung
  Nicht nur während der Drehzeit, sondern auch in der wichtigen Endfertigungsphase hat der Produktionsleiter einen organisierten und reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Auf der Grundlage eines vom Produktionsleiter erstellten Endfertigungsplans werden alle Termine für Schnitt, Synchron, Geräuschaufnahmen, Musik und Mischung fortlaufend überprüft und wenn notwendig geändert und angepaßt.
Die Vor-, Abspann- und Musiklisten müssen erstellt und mit dem Produzenten abgesprochen werden. Alle offenen Leistungen sind abzurechnen, die Verrechnungsgeldkonten zu schließen. Die zurückgebauten Drehorte sind zu überprüfen und der Verkauf erworbener Gegenstände (Requisiten, Kostüme, Fahrzeuge) muss organisiert und durchgeführt werden. Die Abnahme- und Pressevorführungen sind rechtzeitig anzusetzen.
Nach Abrechnung der Kopierwerksleistungen und der letzen Belege und Rechnungen wird der Endkostenstand ermittelt.

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