Berufsbild | Kameramann, Kamerafrau, Director of Photography (DoP)

Erstellt vom: BVK - Berufsverband Kinematografie e.V.

Aus- und Fortbildung: Kameramann/frau

Bildgestaltung als schöpferischer Beruf


1. VORWORT

In Zeiten weltweiter Ausdehnung der audiovisuellen Medien und in dem Versuch aller Beteiligter, an der zunehmenden Nutzung ihrer Werke zu partizipieren, wurde dieses Berufsbild erstellt, das sich in besonderem Maße auf die Anteile der Kameraleute an der Gestaltung von Filmwerken konzentriert. Da eine Verfolgung urheberrechtlicher Ansprüche im Einzelfall nicht durchführbar ist und zunehmend pauschalierte Abgeltungen durch Verwertungsgesellschaften erfolgen, wird sich dieses Berufsbild bevorzugt auf diejenigen Tätigkeiten und Gestaltungsmerkmale beziehen, die im Rahmen der gemeinsamen Gestaltung eines Filmwerkes im kreativen Team regelmäßig und in wesentlichem Umfang im Verantwortungsbereich der Kameraleute liegen und insoweit als berufstypisch angesehen werden müssen. Da sich dieses Berufsbild sowohl im Laufe der Filmgeschichte verändert hat wie auch regionalen Unterschieden unterliegt, dient die derzeitige Situation in Deutschland als Grundlage, es wird aber auch auf Unterschiede zum Ausland hingewiesen.


2. BEGRIFFSBESTIMMUNG

Der deutsche Begriff "Kameramann" umfasst unterschiedliche Berufe, die sich wie folgt abgrenzen lassen:
a) Tätigkeit bei “Laufbildern“ (i.S.d.UrhR) wie z.B. Sport- und Liveübertragungen, Shows aktuelle Berichterstattung und andere Formate im journalistischen Bereich (vergleichbar dem Bildreporter),
b) Künstlerische Bildgestaltung im Bereich von Film“werken“ (i.S.d.UrhR) wie inszenierten Film-, Fernseh- und Videowerken, besonders bei Kino-Spielfilmen, Fernsehspielen und Serien, Werbung, aber auch bei gestalteten Dokumentar- und Industriefilmen (hier vergleichbar mit dem Lichtbildner).

Nur mit diesem zweiten Tätigkeitsbereich befasst sich das vorliegende Berufsbild.



Doch auch mit dieser Einschränkung auf Filmwerke umfasst der deutsche Begriff "Kameramann" immer noch höchst unterschiedliche Tätigkeiten und Verantwortungsbereiche:
Ist ein "Kameramann" generell der Mann (natürlich immer auch die Frau) an der Kamera? Steht er an einer von vielen Kameras einer Action-Szene oder einer Fernsehaufzeichnung, ist er nur der "Schwenker", der eine Kamera auf Anweisung bewegt oder ist es der "Chefkameramann", der für die Bildgestaltung eines Filmwerkes verantwortlich ist, der entsprechend im Titel genannt wird und unter dessen Anweisung vielfach noch weitere, untergeordnete Kameraleute und -teams arbeiten? Die deutsche Berufsbezeichnung liefert hier leider keinen Hinweis, im internationalen Bereich hingegen wird diese Verantwortlichkeit schon sprachlich klargestellt:
Der leitende und für die Bildgestaltung verantwortliche "Kameramann" wird allgemein als

So wird in den wichtigsten Film-Nationen der Welt dem "Kameramann" entsprechend seiner tatsächlichen Bedeutung schon im Sprachgebrauch die Stellung eines "Co-Regisseurs" verliehen.
Getrennt hiervon werden Mitarbeiter des Kamerateams sowie Kameraleute, die weisungsgebunden unter der Leitung des "Chefkameramannes" arbeiten, deren Aufgaben stärker im technisch-manuellen, untergeordneten Bereich liegen, weltweit als "cameraman", "operating cameraman", "operateur", "cadreur", "operatore" und "assistant cameraman" bezeichnet. In Deutschland werden diese entsprechend "Assistent" und "Schwenker", letzterer aber oft missverständlich ebenfalls "Kameramann" genannt. Wegen dieser Sprachverwirrung wird auch häufig in Kritiken oder Auszeichnungen die "Kameraführung" gelobt, obwohl dabei die "Licht- und Bildgestaltung" und nicht der "Schwenker" gemeint war. Entsprechend gibt es auch keine sprachliche Unterscheidung zwischen dem (Chef-)"Kameramann" und dem "Kameramann" eines gelegentlichen Zusatzteams (second unit).
Die deutsche Sprache tut sich leider schwer mit diesem Beruf.


3. GRUNDSÄTZLICHES ZUM BERUFSBILD

3.1 AUFGABENBEREICH
Aufgabe des Kameramannes ist die eigenschöpferische und eigenverantwortliche Bildgestaltung der Filmwerke in Zusammenarbeit mit der Regie und ggf. auch mit der Ausstattung. Sie umfasst sowohl die künstlerische als auch die technische Mitarbeit bei der Filmherstellung. (Dabei spielt es keine Rolle, ob "Filme" auf Film, Magnetband, Bildplatten oder anderen Speichermedien oder mit unterschiedlichen analogen oder digitalen Kamerasystemen aufgenommen werden. Deshalb wird nachfolgend hier generell von "Film" gesprochen.) Im Rahmen eines Kamerateams bestimmt und überwacht der Chefkameramann die technischen- und gestalterischen Parameter der Aufnahmen, insbesondere Beleuchtung, Bildkomposition und Kameraführung. (Letztere wird meist von ihm selbst, oft aber auch von einem oder mehreren Camera Operators ("Schwenkern") bzw. Zusatzteams übernommen.) Nur von dem ("Chef"-) Kameramann in diesem Sinne wird im Folgenden die Rede sein.

3.2 KREATIVITÄT TROTZ ANSPRUCHSVOLLER TECHNIK
Die Bildgestaltung eines Filmes ist unverwechselbares Ergebnis schöpferischer Phantasie. Der Kameramann übt dabei bestimmenden gestalterischen Einfluss aus. Trotzdem wird dieser Beruf vielfach und fälschlich als überwiegend technisch angesehen, weil der Umgang mit hoch technisierten Apparaturen zunächst augenfällig ist und die Technik in der Frühzeit oft der eigenen Werkstatt entstammte. Heute entsteht die Filmtechnik auf industrieller Basis und wird von eigens qualifiziertem Personal bedient. Der Kameramann als Bildgestalter ist damit nur noch am Rande befasst. In den Kindertagen des Filmes war der "Mann mit der Kamera" zwar auch Techniker, aber vor allem der eigentliche Filmemacher, also Kameramann und Regisseur in einer Person. Erst später kam zu seiner Entlastung und zum „In Szene setzen“ der zunehmend beschäftigten Schauspieler ein Regisseur hinzu. Die technischen Grundlagen der Kameraarbeit sind sicher umfangreicher als bei der Regie, gleichzeitig aber ermöglichen die rasant wachsenden digitalen Technologien dem Kameramann heute einen Reichtum künstlerischer Ausdrucksformen, von denen er früher nur träumen konnte.

3.3 DER KAMERAMANN IM KREATIVEN TEAM
Generalisierende Feststellungen über den gestalterischen Anteil der Kameraleute im kreativen Team (Buch, Regie, Kamera, Szenen- und Kostümbild, Schnitt) müssen von spezifischen, berufstypischen Tätigkeitsmerkmalen ausgehen. So gibt es wesentliche Bereiche, in denen Einfluss, Verantwortung und Bestimmung durch den Kameramann in aller Regel gegeben sind. Da sich die Einflussbereiche in einer künstlerischen Teamarbeit aber nie exakt abgrenzen lassen, sind Überschneidungen in Randbereichen die Regel. Bei der Bildgestaltung ergeben sich solche Überschneidungen sowohl im Bereich der Ausstattung als auch in besonderem Maße mit der Regie: Die grundsätzliche Aufgabe des Regisseurs liegt in der szenischen Gestaltung (Inszenierung), die des Kameramannes in der visuellen Gestaltung eines Filmwerkes. Der Übergang jedoch ist fließend, oft beeinflusst der Kameramann die Inszenierung wie der Regisseur die Visualisierung. Der Grad dieser gegenseitigen Beeinflussung ist persönlichkeitsbedingt, er ist gezeichnet von Erfahrung, Vertrauen, Arbeitsmethodik und auch dem "Ego" der Partner. Jedoch ist beider Arbeit nicht frei bestimmt, sie unterliegen beide einer "Weisung": Der Verantwortung dem Stoff bzw. Drehbuch gegenüber. Nur bei Beachtung dieser Fremdbestimmung kann ein einheitliches Gesamtwerk, vielleicht auch eine kongeniale Schöpfung entstehen. Natürlich bedarf das Drehbuch einer einheitlichen Interpretation aller, besonders durch den Regisseur. Diese sollte dann für die übrigen kreativen Mitarbeiter verbindlich sein, um zu einer einheitlichen Sicht aller Beteiligten zu gelangen. Im Rahmen dieser stoffbedingten Vorgaben wird der Kameramann dann eigenverantwortlich tätig.

3.4 FACHAUTORITÄT UND KOMPETENZ
Die visuelle Gestaltung des Films erfolgt auf der Basis der kreativen und technischen Kompetenz des Kameramannes. Seine Entscheidungen, noch basierend auf visueller Intuition und konzeptioneller Vorarbeit, gewinnen erst mit der Aufnahme Gestalt. Gleichzeitig aber obliegt ihm bereits während der Aufnahme die erste kritische Kontrolle des fertigen Produktes, in dem die kreative wie handwerkliche Arbeit des gesamten Teams von oft über 100 Personen, wie durch ein Nadelöhr, zusammengeführt wurden. In seiner Verantwortung liegen damit auch die Emotionen der Zuschauer, ihre Aufmerksamkeit, Identifikation, Freude, Trauer oder ihre Angst. Erfolg oder Misserfolg eines Filmes werden so durch die Entscheidungen des Kameramannes maßgeblich beeinflusst.

3.5 TITELNENNUNG
Entsprechend seiner Bedeutung wird der Kameramann auch regelmäßig in den "Credits", den Titeln, im Vor- oder Nachspann genannt. Die Namensnennung erfolgt meist im kreativen Block (Regie, Kamera, Drehbuch, Schnitt, Ausstattung, Musik etc.), in der Rangfolge in der Regel dicht vor oder nach der Regie. Neben der leider meist vorgegebenen, aber missverständlichen Bezeichnung "Kamera" wird hier auch der Begriff "Bildgestaltung" verwendet, in angelsächsischen Ländern regelmäßig "Director of Photography".


4. TÄTIGKEITS- und VERANTWORTUNGSBEREICH

Dieser Bereich umfasst alle Stadien der Filmherstellung, aufgegliedert nach den Produktionsphasen Vorbereitung, Drehzeit und Endfertigung. Von frühen Vorgesprächen bis zur Abnahme der fertigen Filmkopien bzw. des Master- oder Sendebandes ist der Kameramann einer der am längsten beschäftigten Mitarbeiter.

4.1 VORBEREITUNG
Diese Phase beginnt in der Regel mehrere Wochen oder gar Monate vor Beginn der Drehzeit, hier werden die künstlerischen Grundlagen für die Gestaltung des Filmes erarbeitet und die erforderlichen finanziellen, technischen und personellen Entscheidungen getroffen.

4.1.1 Einarbeitung in das Drehbuch
Erste Bekanntschaft mit dem Stoff, Lesen evtl. Grundlagenliteratur oder eines zugrunde liegenden Romans, Entwickeln einer visuellen Struktur, Gedanken über das Filmformat (z.B. CinemaScope), Anfertigung von Auszügen, Überprüfung besonderer Probleme und spezieller Techniken zu ihrer Lösung.

4.1.2 Vorgespräche mit der Regie
über Drehbuch und evtl. Änderungen, dramaturgische und stilistische Konzeption, Erzählstruktur und besondere Gestaltungselemente, aber auch über Zeitplan, Budget, Casting etc.

4.1.3 Vorgespräche mit der Produktion
über Budget, Drehplan, Technik und Personal.

4.1.4 Vorgespräche mit der Ausstattung
über Drehorte, Originalmotive und Bauten sowie deren künstlerische und technische Einrichtung, Qualität und Anordnung natürlicher und künstlicher Lichtquellen sowie die generelle Farbgestaltung.

4.1.5 Vorgespräche mit Kostüm- und Maskenbildner
zur Abstimmung von Kostümstoffen und -farben sowie der Schminktechnik.

4.1.6 Motivsuche und -bestimmung
Zusammen mit Regie, Kamera, Ausstattung und Produktion erfolgen Auswahl und Festlegung der Schauplätze. Hier werden am Motiv bereits erste konkrete Gespräche über Auflösung, wichtige Blickrichtungen, einzelne Einstellungen sowie Änderungen am Motiv geführt. Vom Kameramann werden hier Ansätze der Lichtkonzeption entwickelt, hier legt er aufgrund des Sonnenstandes bereits die Tageszeit für den Dreh bestimmter Szenen fest.

4.1.7 Bestimmung der technischen Ausrüstung und des Labors
Hier erfolgt die Entscheidung über Kameras, Objektive, Filmmaterial, Dolly, Kran, Beleuchtung und Labor.

4.1.8 Bestimmung des technischen Personals
Kamerateam, Zusatzteams, Bühnentechniker, Beleuchter, ggf. Festlegung der jeweiligen Aufgaben.

4.1.9 Probeaufnahmen
von Darstellern, Kostümen, Schminktechnik, Dekorationen, Bauten und Motiven.

4.1.10 Testaufnahmen
zur Überwachung von Kameras, Objektiven, Filmmaterial und Laborarbeiten.

4.2 DREHZEIT
In dieser Zeit, je nach Art der Produktion von höchst unterschiedlicher Dauer, erfolgen die Filmaufnahmen, Szene für Szene, Einstellung für Einstellung, meist in unchronologischer Reihenfolge:

4.2.1 Szenenauflösung
Dies ist eine der wesentlichen Phasen der Filmgestaltung: Zur dramatischen und optischen Erfassung der Handlungsabläufe und zu ihrer visuellen Prägung werden die einzelnen Szenen zunächst in eine Abfolge unterschiedlicher Einstellungen und Kamerabewegungen aufgeteilt.
Bereits hier entscheiden Regie und Kamera gemeinsam über die Szenenstruktur. Aus welcher Sicht soll der Zuschauer die Szene erleben, aus der Sicht z.B. des Täters oder des Opfers? Soll es eine hektische Abfolge vieler kurzer Einstellungen werden oder eine langsame, gleitende Kamerafahrt durch die Szene, soll sie hautnah mit Großaufnahmen erzählt werden oder distanziert mit weiten Totalen, sollen Schock-Schnitte eingesetzt oder besondere Effekte durch Kamerabewegungen erreicht werden? Bereits hier werden Ablauf, Timing, Rhythmus und "pace" von Szenen und Komplexen festgelegt und damit die spätere Montage bereits in bestimmten Elementen vorbestimmt, (wobei dem Cutter immer noch genügend Freiraum bleibt).

4.2.2 Festlegung der einzelnen Einstellungen
In Absprache mit der Regie bestimmt der Kameramann die einzelne Einstellung unter Bezug auf folgende Parameter:
* Kameraposition und -höhe (Unter- oder Obersicht, Größe oder Kleinheit, Macht oder Ohnmacht),
* Bildausschnitt und -komposition,
* Kamerabewegung (Dolly, Kran, SteadiCam, Handkamera etc.),
* Objektivwahl (z.B. Tele oder Weitwinkel, zusammenführen oder distanzieren einzelner Elemente, Zoom),
* Schärfe und Unschärfe, Tiefenschärfe (ausweiten oder einengen, herausheben, betonen von Details),
Mit diesen optischen Parametern wird, neben dem „storytelling“ auch die visuelle und emotionale Rezeption des Zuschauers beeinflusst. Besonders geschieht das im Hinblick auf:
* Dramaturgische und emotionale Wirkungen und Effekte, Timing oder Suspense,
* dramatische Unterstützung der Darsteller in ihrer Rolle, Aussehen und Präsenz der "Stars",
* räumliche, dramatische und psychologische Beziehungen zwischen den handelnden Personen,
* visuelle Charakterisierung von Räumen und Motiven,
* Perspektive und räumliche Wirkung,
* Illusion der (fehlenden) 3. Dimension auf der Leinwand.
Um diese Wirkungen zu erreichen, muss häufig auch das Set den photographischen Forderungen angepasst werden. Dies kann von einer Umarrangierung von Einrichtungsgegenständen und Lichtquellen bis hin zur Entfernung oder Umsetzung von Wänden gehen.

4.2.3 Lichtgestaltung
Das Licht stellt eines der wesentlichen photographischen Gestaltungsmittel dar. Durch den kreativen Einsatz von Licht und Schatten, Front-, Seiten- oder Gegenlicht, punktueller oder flächiger Beleuchtung, Härte oder Weichheit des Lichtes, Kontrast und Helligkeitsverteilung (z.B. high-key, low-key) sowie Lichtfarbe und -bewegung ergeben sich auch hier vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Insbesondere in Bezug auf:
* Dramaturgisch erforderliche ästhetische und emotionale Atmosphäre,
* dramatische Unterstützung der Darsteller, Aussehen und Wirkung der "Stars",
* visuelle Gestaltung von Motiven und Bauten durch Atmosphäre, Raum- und Tiefenwirkung,
* Konzentration auf Handlungsfläche, Betonung oder Unterdrückung szenischer Elemente,
* Betonung von Jahres- und Tageszeiten oder zur Ortsbeschreibung (Wasser-/Lichtreflexe)
* Simulation von z.B. Fahraufnahmen (bewegtes Licht) oder bestimmter Wettererscheinungen (z.B. Blitze),
* spezielle Lichteffekte, auch außerhalb der Normbereiche von Farbe oder Belichtung.
Die Lichtgestaltung liegt grundsätzlich in alleiniger Verantwortung des Kameramannes, sie wird vielfach sogar als seine wichtigste Aufgabe betrachtet, z.B. in England mit der Bezeichnung "lighting cameraman".
Der sog. "Oberbeleuchter" (engl."chief electrician") ist entgegen der deutschen Bezeichnung kein Lichtgestalter, sondern organisiert und überwacht lediglich den Beleuchtungsaufbau nach den Vorgaben des Kameramannes.

4.2.4 Farbgestaltung und Filterung
Farbeffekte dienen der Steigerung dramaturgischer und emotionaler Wirkungen. Sie können mit farbigem Licht, mit integraler oder partieller Filterung in der Kamera oder auch in der digitalen Postproduktion erreicht werden.

4.2.5 Photographische Spezialeffekte und Tricks
Früher entstanden optische Tricks vielfach direkt in der Kamera, später auch in der optischen Nachbearbeitung im Trickstudio oder Labor. Heute ergeben sich fast unbegrenzte Möglichkeiten der kreativen Bildbearbeitung in der digitalen Postproduktion. Unzählige science-fiction-Filme geben ein Beispiel für diese Entwicklung.

4.2.6 Beurteilung und Auswahl des gedrehten Materials
Eine Vor-Auswahl des gedrehten Materials (der Muster) erfolgt, meist täglich, gemeinsam durch Regie, Kamera und Schnitt. Teilweise werden bereits bestimmte "takes" ausgewählt, teilweise werden auch nur bestimmte Präferenzen angegeben und dem Schnitt die letzte Entscheidung überlassen. In Fernsehproduktionen hat sich leider eine Mustersichtung nur noch auf Basis einer DVD o.ä. eingebürgert, was die Beurteilung sehr erschwert.

4.2.7 Überwachung von Technik und Labor
Die laufende Überwachung der technischen Geräte incl. Testaufnahmen erfolgt meist durch den ersten Kameraassistenten, die Überwachung von Kopierwerk und Endfertigung durch den Kameramann.

4.2.8 Führung und Weiterbildung der Mitarbeiter
Da die Mitarbeiter im Kamerateam sich auf einer Stufe ihrer Ausbildung befinden, die sie zu ihrer derzeitigen Position im Team befähigt, kommt dem Kameramann hier auch die Funktion eines "Lehrmeisters" zu. Er sollte dabei bestrebt sein, seine Mitarbeiter während ihrer Arbeit auch für eine spätere höhere Position zu qualifizieren.

4.2.9 Budgetkontrolle
Im Ablauf einer Produktion trägt der Kameramann eine Mitverantwortung dafür, dass die Kosten seines Bereiches den Rahmen des Budgets nicht unerwartet überschreiten.

4.3 POSTPRODUCTION / ENDFERTIGUNG
Nach Beendigung der Dreharbeiten ist dies die letzte Produktionsphase für den Abschluss von Schnitt, Trick- sowie analoger oder digitaler Bildbearbeitung. Bis zur Abnahme der endgültigen Filmkopien und/oder des digitalen Masters für TV, Video oder DVD hat der Kameramann hier noch folgende Aufgaben:

4.3.1 Spezialaufnahmen und Trick
Überwachung von nachträglichen Zusatz-, Modell-, CGI (computer generated images) und Trickaufnahmen, die häufig von einem gesonderten Team oder Computer-Spezialisten ausgeführt werden. Trotzdem ist auch hieran der bildgestalterisch verantwortliche Kameramann maßgeblich beteiligt.

4.3.2 Digitale Endbearbeitung / Postproduktion
Neue kreative Möglichkeiten ergeben sich durch den zunehmenden Einsatz digitaler Bildbearbeitung oder sogar der durchgehend digitalen Endfertigung (Digital Intermediate/DI). Bei Filmaufnahmen wird das Originalnegativ gescannt, digital weiter bearbeitet und dann wieder auf ein oder mehrere quasi “Original“-Negative zurück übertragen. Damit wird auch das bisher erforderliche, qualitätsmindernde Duplikatnegativ hinfällig.
Mit dieser Palette neuer kreativer Ausdrucksmöglichkeiten kann der Kameramann jetzt noch zusätzliche kreative Entscheidungen und Korrekturen jenseits der bisherigen Limitierung durch die Fotochemie einbringen.

4.3.3 Licht- und Farbbestimmung
Vor der Herstellung der Filmkopien oder des Masterbandes erfolgt die letzte Licht- und Farbabstimmung der Einzeleinstellungen in der Abfolge des Schnittes, dies erfolgte bisher analog, jetzt aber zunehmend digital. Dies sind die letzten Phasen und der Abschluss des photographisch-gestalterischen Prozesses. Es ist deshalb unabdingbar, dass auch in diesen Phasen der verantwortliche Kameramann die letzte Kontrolle behält.

4.3.4 Endabnahme
Kontrolle und fotografisch-technische Abnahme der Filmkopien bzw. des Masters für TV, Video oder DVD.


5. AUSBILDUNG

"Kameramann" ist in Deutschland kein allgemein anerkannter Ausbildungsberuf. Früher erfolgte die Ausbildung zumeist in der Praxis, wobei sich folgende Phasen als besonders sinnvoll erwiesen haben:
* Ausbildung als Photograph / Lichtbildner (sinnvoll als Vorstufe),
* Praktikum in einem Filmlabor / Kopierwerk mit umfassender Kenntnis aller Arbeitsabläufe,
* Praktikum in einem Geräteverleih zur Kenntnis aller Kamerasysteme (Film, Video-analog/digital, HD), sowie
* Mehrjährige Tätigkeit in verschiedenen Kamerateams in aufsteigenden Funktionen.
Europaweit gibt es zunehmend erfolgreiche Ausbildungsstätten oder Filmhochschulen mit dem Studiengang Kamera, in Deutschland gibt es solche inzwischen in fast jedem Bundesland.
Größtenteils sind diese um eine umfassende Ausbildung bemüht, einige allerdings lediglich für den Bedarf der Fernsehanstalten im aktuellen Bereich konzipiert. Zum Teil ist eine Anfangsausbildung zum Kameramann auch im Rahmen anderer Studiengänge möglich. Grundsätzlich ist jedoch ergänzend und begleitend zu jedem Studium eine praktische Ausbildung und Erfahrung im kommerziellen Produktionsalltag unverzichtbar.
Generelle Voraussetzungen sind gutes Sehvermögen, physische und psychische Belastbarkeit, Flexibilität, gute Allgemeinbildung, technisches Verständnis, ausgeprägtes Stilgefühl, Durchsetzungsvermögen, Organisationstalent und Führungsqualitäten. Hilfreich könnten zur Abrundung auch Kenntnisse über Kunstgeschichte, Theaterwissenschaft sowie Erfahrungen in anderen künstlerischen Tätigkeiten sein.
Unverzichtbar für den Erfolg ist jedoch ein unbedingter und oft auch selbstausbeuterischer Wille zu diesem Beruf, verbunden mit der Bereitschaft, dafür auf soziale Absicherung, geregelte Arbeitszeiten oder oft auch auf ein normales Familienleben zu verzichten.


6. BERUFSAUSÜBUNG

6.1 Freiberufliche Tätigkeit
Wechselnde zeitlich begrenzte Beschäftigung bei Film-, Fernseh- und Videoproduktionen im In- und Ausland. In Deutschland erfolgt diese teilweise mit zeit- oder projektbezogenen Verträgen als Arbeitnehmer unter Abzug von Steuern und Sozialversicherung, wobei hier juristisch nur die Tätigkeit bzw. Arbeitsleistung geschuldet ist. Im Gegensatz dazu ist aber auch eine Tätigkeit auf der Basis von Werkverträgen üblich, wobei aber die soziale Absicherung entfällt und gleichzeitig das Haftungsrisiko, z.B. für Mitarbeiter, das Equipment oder sogar für die Qualität der Arbeit erheblich steigt. Deshalb ist bei dieser Vertragsgestaltung besondere Vorsicht angebracht. Die Aufstiegsmöglichkeiten sind unbegrenzt, am freien Markt sind Spitzenpositionen zu erreichen. Das wirtschaftliche Risiko ist groß, es wird bestimmt von Angebot und Nachfrage, aber auch von einem häufigen frühen Altersabstieg. Die Arbeitsbedingungen sind weitgehend ungeregelt, extrem lange Arbeitszeiten üblich.

6.2 Festanstellung
bei Rundfunk-, bzw. Fernsehanstalten oder bei privaten Produktionsgesellschaften.
Wirtschaftliches Risiko und Karrierechancen sind begrenzt, beim Fernsehen meist gute soziale Absicherung. Die Arbeitsbedingungen sind weitgehend tariflich geregelt.


7. NACHWORT

Für den Kameramann gibt es, wie bei fast allen künstlerischen Berufen, kein behördlich festgelegtes Berufsbild. Der Berufsverband Kinematografie hat deshalb bereits 1983 auf Basis aktueller Produktionsabläufe dieses Berufsbild entwickelt und mit dem Bundesverband der Film- und Fernsehregisseure vor seiner Veröffentlichung abgestimmt. Damit konnten Einsprüche aufgrund unterschiedlicher Einschätzung von Grenzbereichen oder Überschneidungen, die gerade gegenüber der Regie denkbar wären, vermieden werden.
Dieses in mehrere europäische Sprachen übersetzte Berufsbild zeigt somit nicht nur das Wunschdenken eines Berufsstandes, sondern dokumentiert anerkannte berufstypische Tätigkeits- und Einflussbereiche der verantwortlichen bildgestaltenden Kameraleute bei Film-, Fernseh- und Videowerken.

Jost Vacano BVK/ASC, 1983, aktualisiert 1992, 1995, 2006 und 2007